Das Wichtigste in Kürze
- Rund 600 Drohnenteams suchen im Frühling vor der Mahd gezielt nach Rehkitzen: mit Wärmebildkameras und GPS wird jede Minute genutzt.
- Rehkitze ducken sich instinktiv ins Gras statt zu fliehen: diese Strategie kann ihnen bei der Mahd zum Verhängnis werden.
- Erfolgreiche Bilanz: Seit den ersten Drohneneinsätzen konnten in der Schweiz über 19'000 Rehkitzrettungen verzeichnet werden.
- Teamarbeit zählt: Drohnenpilote, Ehrenamtliche Helfer, Landwirte und Jäger ziehen an einem Strang
- Finger weg vom Kitz, Spaziergänger sollen Rehkitze keinesfalls anfassen: bei Unsicherheit hilft die Beobachtung oder ein Anruf beim Wildhüter.
Rehkitzrettung aus der Luft vermindert Mähtod
In den Monaten April bis Juni sind fast 600 Rettungsteams in den frühen Morgenstunden im Einsatz, um Rehkitze im hohen Gras vor dem Mähtod zu bewahren. Denn frisch geborene Rehkitze drücken sich bei Gefahr instinktiv ins Gras, anstatt zu fliehen. Ein Verhalten, das ihnen in der Mähsaison zum Verhängnis werden kann.
Um die Tiere rechtzeitig zu entdecken und zu retten, braucht es mehr als moderne Drohnentechnologie und erfahrene Drohnenpiloten. Der Erfolg der Rehkitzrettung hängt ebenso von der tatkräftigen Unterstützung durch Landwirte, Jäger und zahlreiche freiwillige Helfer ab. Die Motivation dieser engagierten Menschen ist vielfältig: Manche handeln aus tiefem Tierschutzgedanken, andere möchten zur Erhaltung eines gesunden Wildtierbestands beitragen, wieder andere engagieren sich für sauberes Futter für ihre Nutztiere. Was sie alle eint, ist das gemeinsame Ziel, den qualvollen und vermeidbaren Tod junger Rehe durch Mähmaschinen zu verhindern. Und dieses Ziel wird mit grossem Einsatz erreicht, wie Res Sudler, Obmann der Jagdgesellschaft Bauma, betont: „Unser grösster Erfolg ist, wenn wir am Ende der Saison sagen können: In unserem Jagdgebiet gab es kein einziges vermähtes Rehkitz.“
Kurzer Exkurs in die Biologie
Die Hauptgeburtszeit der Rehe ist Mitte April bis Mitte Juli, wobei die Hälfte der Rehkitze bis Ende Mai geboren werden. Rehkitze können vereinzelt das ganze Jahr hindurch vorkommen, meistens sind es Zwillinge. In den ersten Wochen nach der Geburt verweilen Kitze oft allein an einem sicheren Ort, während das Muttertier sie nur kurz zum Säugen besucht. Rehkitze ducken sich instinktiv ins hohe Gras. Diese Strategie, der nahezu geruchlosen und bestens getarnten Rehkitze ist bei natürlichen Feinden effektiv, führt jedoch zu keinerlei Fluchtreaktion bei herannahenden Mähwerken. Der Drückinstinkt dauert zwei bis drei Wochen lang. Ab etwa der dritten Woche beginnt sich der Fluchtinstinkt bei den Kitzen zu entwickeln. Erst mit etwa sechs bis acht Wochen sind Kitze in der Lage, sich selbständig zu ernähren und sich vor Feinden zu schützen.
Schnell und effizient
Die Rehkitzrettung erfolgt in den frühen Morgenstunden in der Regel zwischen 4.30 und 8.30 Uhr. Zu dieser Zeit ist die Luft noch kühl, was optimale Bedingungen für die Wärmebildkameras der Drohnen schafft. Die Temperaturdifferenz zwischen dem Tierkörper und der Umgebung ist dann besonders gut sichtbar, wodurch die Kitze im hohen Gras zuverlässig erkannt werden können. Sobald ein Rehkitz durch die Drohne aufgespürt wurde, bleibt das Fluggerät als sichtbarer „Wegweiser“ exakt über der Fundstelle in der Luft stehen. Ein Retter begibt sich daraufhin gezielt zum angezeigten Ort. Mithilfe eines portablen Bildschirms – häufig ein Smartphone – sieht er sich selbst auf dem Livebild der Wärmebildkamera und kann sich so sicher zum Kitz bewegen. Das gefundene Jungtier wird vorsichtig in einer Kiste gesichert. Anschliessend wird die Stelle mit einem mobilen Zaunpfahl deutlich markiert, damit das umliegende Gras gemäht werden kann, ohne das Tier zu gefährden. Nach Abschluss der Mäharbeiten wird die Kiste entfernt. Das Rehkitz bleibt an Ort und Stelle und Rehkitz und Mutter finden durch Rufe wieder zueinander.
Letztes Jahr über 5000 Rehkitze gerettet
Seit den anfänglichen Testphasen der Drohnen mit Wärmebildkamera ab ca. 2010 in der Schweiz wurden 19’300 Rehkitzen so vor dem sicheren Tod gerettet, allein letztes Jahr 5000. Doch auch schon vor dem Einsatz der Drohne wurden Rehkitze bereits mit verschiedenen Methoden vor der Mahd gerettet. So durchstreiften Helfer frühmorgens die Wiesen zu Fuss, in der Hoffnung, Kitze rechtzeitig zu entdecken. Mancherorts kamen flatternde Tüten, reflektierende Folien, CD`s, Lampen oder akustische Signalgeber zum Einsatz, um die Tiere durch Lärm, Verblendung oder Bewegung zu vergrämen. Auch das Absuchen mit Hunden war teilweise üblich. Es liess sich jedoch kaum nachvollziehen, ob und wie viele Kitze tatsächlich gerettet wurden, denn die so vergrämten Tiere konnten nicht gezählt werden.
Grosse Investitionen von der Landwirtschaft
In 20 bis 30 Minuten lässt sich ein durchschnittliches Feld (zwei bis drei Hektaren) absuchen. Ein Drohnenpilot kann so im Durchschnitt ein Gebiet von 86 Hektaren pro Jahr abdecken. In den letzten vier Jahren hat der Zürcher Bauernverband (ZBV) fast 100'000 Schweizer Franken investiert, um Drohnenpiloten im landwirtschaftlichen Umfeld auszubilden. Dieses Engagement zeigt das grosse Interesse der Bäuerinnen und Bauern, moderne Technologien zu nutzen, um ihre Flächen vor dem Mähen abzusuchen.
Als Spaziergänger auf ein Rehkitz gestossen?
Auch wenn ein alleinliegendes Rehkitz auf uns Menschen hilflos oder verlassen wirken mag, ist es in den allermeisten Fällen keineswegs verwaist. Die Rehmutter befindet sich in der Regel ganz in der Nähe, oft nur wenige Meter entfernt. Das leise Fiepen des Kitzes, das leicht als Hilferuf interpretiert werden kann, dient der Kommunikation zwischen Mutter und Jungtier. Ein gut gemeinter, aber folgenschwerer Fehler ist das Anfassen eines Rehkitzes. Der Menschengeruch überdeckt den natürlichen Eigengeruch des Tieres. In der Folge kann es von der Mutter nicht mehr erkannt und verstossen werden.
Wer ein Rehkitz in der Wiese entdeckt, sollte sich zurückziehen und das Tier in Ruhe lassen. Falls Unsicherheit besteht, ob das Jungtier Hilfe braucht, empfiehlt es sich, es aus grosser Distanz über längere Zeit zu beobachten. Kehrt die Rehmutter auch nach mehreren Stunden nicht zurück, kann der zuständige Wildhüter oder im Notfall die Polizei (Telefon 117) kontaktiert werden. Wichtig: Das Mitnehmen eines Rehkitzes – auch in vermeintlich guter Absicht – ist ohne ausdrückliche Zustimmung des Wildhüters gesetzlich verboten und gilt als Wilderei. In der sensiblen Brut- und Setzzeit gilt zudem Hunde anzuleinen. So lassen sich viele unnötige Zwischenfälle mit Wildtieren vermeiden.
Engagiert für einen sicheren Start ins Leben
Dank des stetig wachsenden Engagements freiwilliger Helfer gelingt es zunehmend, bei der Grasernte gefährliche Zwischenfälle zu vermeiden. Immer mehr Menschen lassen sich zu Drohnenpiloten ausbilden und engagieren sich mit grossem Einsatz für den Schutz von Wildtieren. Für sie ist die Rehkitzrettung mehr als nur eine technische Aufgabe, sie ist gelebter (Wild-)Tierschutz. Besonders beeindruckend ist das Zusammenspiel verschiedenster Akteure: Jäger, Landwirte, Naturschützer und Freiwillige arbeiten Hand in Hand und bündeln ihre Kräfte, um den Start ins Leben für viele junge Rehe so sicher wie möglich zu gestalten.