Wie würden Sie das Reh in seinem Lebensraum charakterisieren?
Das Europäische Reh profitiert von unserer heutigen Kulturlandschaft. Ursprünglich ist es ein Waldtier, das auf Waldränder, Lichtungen, Auenwälder spezialisiert ist - überall dort, wo es viel Unterwuchs gibt. Vom Körperbau her ist es ein “Schlüpfer”, der bei Nachstellung sein Heil im Verstecken im Dickicht und geschickten Ausweichen sucht. Die heutige Agrarlandschaft mit ihren Waldinseln bietet dem Reh vergleichsweise viel mehr Waldrandgebiete, als ein geschlossener, grosser Urwald. Zudem ist das Reh ziemlich anpassungsfähig und nutzt auch monotone Ackerflächen (hier kann es sich bspw. in Maisfeldern zurückziehen). Es wird geschätzt, dass die Rehpopulation in der Kulturlandschaft 10-20x so hoch sein könnte, wie in einem unberührten “Urwald”. Zudem fehlt es in diesen Gebieten oftmals an grossen Beutegreifern wie Wolf oder Luchs, welche den Rehbestand mitregulieren würden.
Pro Natura setzt sich für den Schutz der Artenvielfalt ein – warum engagiert sich Ihre Organisation nicht bei der Rehkitz-Rettung während der Mähsaison?
Rehkitzrettungsaktionen haben zum Ziel, Tierleid zu vermeiden – ein wichtiges Tierschutzanliegen, für das sich entsprechend viele Tierschutzorganisationen und oft auch lokale Jagdgesellschaften, Bäuerinnen und Bauern engagieren. Das begrüsst Pro Natura explizit. Als Naturschutzorganisation, ist unser Kernanliegen der Erhalt bedrohter Tier- und Pflanzenarten. In der Schweiz sind ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten bedroht, auf ihren Schutz konzentrieren wir uns. Rehe gehören glücklicherweise nicht dazu.
Pro Natura engagiert sich nebst dem Erhalt der Artenvielfalt auch für Lebensräume, wie dem Nationalpark. Solche Schutzgebiete sind nicht überall möglich. Welche Rolle spielen Zerschneidungen der Lebensräume durch Infrastrukturbauten (Strassen, Bahnlinien, Siedlungen), so dass sich Rehhabitate vermehrt auch auf landwirtschaftliche Nutzflächen verlagern?
Der Nationalpark stellt nur die höchste Stufe der Instrumente des Flächenschutzes dar und ist deshalb nicht der einzige Schutzgebietstyp. Schutzgebiete aller Typen bieten den Wildtieren wichtige Ruhe-, Rückzugs- und Nahrungsgebiete. Wenn diese Gebiete – je nach Zielart – ausreichend gross, divers und gut vernetzt sind, erzeugen sie eine Wirkung weit über die Schutzgebietsgrenzen hinaus. Die Zerschneidung des Lebensraums führt gebietsweise zu sehr hohen Rehdichten, weil ein Ausweichen in Gebiete mit weniger Konkurrenz erschwert ist. Das Ausweichen auf landwirtschaftliche Nutzflächen hängt aber wohl nicht mit der Bestandsdichte zusammen, sondern eher an Störungen im Wald, dem hohen Futterangebot auf den Feldern und der Möglichkeit, die Rehkitze gut geschützt im hohen Gras abzusetzen.
Was unternehmt ihr, um diesem Umstand entgegenzuwirken, um Wildtierkorridore zu erhalten oder wiederherzustellen?
Pro Natura pflegt schweizweit über 800 eigene Naturschutzgebiete und versucht diese wo immer möglich, untereinander zu vernetzen, damit Wildtieren (und mit ihnen auch Pflanzensamen) hin- und herwandern und so neue Lebensräume erschliessen könne. Mit unserer Kampagne “Bahn frei für Wildtiere” haben wir 2017-19 schweizweit auf das Thema Vernetzung aufmerksam gemacht, eine nationale Tagung mit allen wichtigen Stakeholdern organisiert und uns politisch für die rechtlich verbindliche Festschreibung der Wildtierkorridore von nationaler Bedeutung ins Jagdgesetz eingesetzt.
Inwieweit sieht Pro Natura das Rehwild selbst als Teil eines ökologischen Gleichgewichts – und wann wird es aus naturschutzfachlicher Sicht zum Problem?
Der Begriff des “ökologischen Gleichgewichts” ist zu hinterfragen. Besser spricht man von “natürlicher Dynamik”. Lebensräume und Tierpopulationen befinden sich eigentlich nie in einem statischen Gleichgewicht, sondern fluktuieren um einen Mittelwert herum (und selbst dieser muss nicht für immer “gegeben” sein). Innerhalb des Lebensraums trägt das Reh zum Offenhalten von Flächen für lichthungrige Vegetation oder Insekten bei, verbreitet in seinem Fell Pflanzensamen, düngt mit seinem Kot den Boden, dient als Nahrung für Beutegreifer und Aasfresser, Pilze und Bakterien. Aus Sicht des Naturschutzes wird ein hoher Rehbestand dann zur Herausforderung, wenn durch den Verbiss an Jungbäumen die natürliche Verjüngung eines Waldes infrage gestellt ist. Aber auch hier gilt es zu differenzieren: Handelt es sich um forstwirtschaftliche oder andere menschliche Interessen (z.B. Schutzwald), die tangiert sind? Oder “schadet” der Rehbestand wirklich gewissen Baumarten in ihrem Bestand? Vom Rothirsch beispielsweise ist bekannt, dass er durch sein Schälen und Fegen ganze Bäume zum Absterben und durch den Verbiss Jungbäume zum Verkümmern bringen kann. Das Reh frisst vor allem junge Blatttriebe ab. Es kann dadurch wohl auch einzelne Bäume schädigen, wenn es sie immer wieder aufsucht, und bei sehr hohen Beständen “waldwirksam” werden. Die Verbissthematik dreht sich bislang jedoch grösstenteils um den Rothirsch – wobei offenbar der Anteil des Rehs nicht zu vernachlässigen ist.
Wie steht Pro Natura der Jagd gegenüber? Konkret der Praxis, dass gerettete Kitz später dennoch im Rahmen der Jagd geschossen werden?
Die Jagd als eine Methode der Nutzung natürlicher Ressourcen ist nach Ansicht von Pro Natura völlig legitim, sofern sie nachhaltig betrieben wird. Das bedeutet unter anderem, dass die bejagten Bestände und ihre Lebensräume nicht gefährdet werden dürfen. Andere Wildtierarten sollen durch die Jagd nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Jagd muss auf klaren wildbiologischen Managementzielen basieren und ihre Wirksamkeit soll regelmässig überprüft und bei Bedarf angepasst werden. Zudem soll das Existenzrecht grosser Beutegreifer als „Mitjäger“ anerkannt werden. Erlegte Tiere sollen, wenn möglich, genutzt werden. Auch ausserhalb der Jagdzeiten soll sich die Jägerschaft für den Schutz von Wildtieren und deren Lebensräumen engagieren. Zudem soll das Existenzrecht grosser Beutegreifer als „Mitjäger“ anerkannt werden. Erlegte Tiere sollen, wenn möglich, genutzt werden. Auch ausserhalb der Jagdzeiten soll sich die Jägerschaft für den Schutz von Wildtieren und deren Lebensräumen engagieren.
Diese Bedingungen sind unseres Erachtens in der Schweiz weitgehend gegeben. Es spricht nach Ansicht von Pro Natura nichts dagegen, Rehkitze vor dem Vermähen zu retten (aus Tierschutz- und Hygienegründen). Die Annahme, dass das gerettete Tier später erlegt werden könnte, muss nicht zwingend zutreffen - das Tier hat auf jeden Fall eine “zweite Chance” und kann sich vielleicht noch selbst fortpflanzen, ehe es einem Jäger zum Opfer fällt.
Welche gemeinsamen Projekte zwischen Landwirtschaft, Naturschutz und Jagd sieht Pro Natura als besonders zukunftsweisend für die Koexistenz von Mensch und Wildtier?
Gemeinsame Lebensraumaufwertungen, Sensibilisierungsmassnahmen beispielsweise zu Wildruhezonen oder Leinenpflicht sowie der gemeinsame politische Einsatz für den Schutz der Biodiversität als Existenzgrundlage der Landwirtschaft, der Jagd und des Naturschutzes sind im Interesse aller drei Parteien und sind vielversprechend.