Aktuell leben über acht Milliarden Menschen auf der Welt und die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass es bis ins Jahr 2050 bereits zehn Milliarden sein werden. Damit die Nahrungsmittelversorgung auch in 25 Jahren noch gewährleitet ist, müssen die landwirtschaftlichen Erträge rund um den Globus massiv gesteigert werden. Hier setzt das Studium «Agrarwissenschaften» der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) an.
Die Agrarwissenschaften erforschen, wie Kulturpflanzen, Nutztiere und landwirtschaftliche Produktionssysteme weiterentwickelt werden können, damit die Ernährungssicherheit weltweit steigt. Dabei berücksichtigen sie den nachhaltigen Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen. In diesem Beitrag werfen wir einen tieferen Blick auf diesen zukunftsweisenden Studiengang.
Bachelor und Master: Vom Allgemeinen zum Spezifischen
Die Erkenntnisse aus den Agrarwissenschaften erhöhen die weltweite Ernährungssicherheit und Nahrungsmittelqualität – heute und in Zukunft. «Das Studium der Agrarwissenschaften an der ETH Zürich enthält viele Praxiselemente – sowohl im Bachelor- als auch im Masterprogramm. Studierende arbeiten im Feld, besuchen landwirtschaftliche Betriebe, absolvieren Praktika und Exkursionen und bearbeiten reale Fragestellungen aus der Landwirtschaft», betont Studiengangsleiter Prof. Dr. Bruno Studer im Interview am Ende dieses Beitrags den praktischen Aspekt des Studiums.
Statistik der Woche
Thematische Vielfalt und familiäres Klima
Um einen authentischen Einblick ins Studium Agrarwissenschaften zu erhalten, traf die «Familie Richter» zwei Studentinnen und eine Absolventin des Studiengangs an der ETH. Masterstudentin Svenja Schellenberg kam durch das Aufwachsen auf einem Bauernhof früh mit landwirtschaftlichen Abläufen in Berührung. Ausschlaggebend für ihre Studienwahl sei das aber nicht gewesen. Vielmehr vereine das Studium ihre Lieblingsfächer Biologie und Wirtschaft – «eine einmalige Kombination», so Schellenberg. Auch die grosse Bandbreite der Themen habe sie überzeugt: «Von globalen Themen wie Welternährung oder tropischen Systemen bis zur einheimischen Alpwirtschaft kann man hier seine Interessen vielseitig abdecken.»
Video der Woche
«Architektinnen und Architekten des Ernährungssystems»
Dass die Fähigkeiten, die Studierende während ihrer Studienjahre der Agrarwissenschaften an der ETH erwerben, auf einer übergeordneten Ebene nützlich sind – und nicht nur rein fachlich – bestätigt auch Prof. Dr. Nina Buchmann im Podcast: «Die Abgängerinnen und Abgänger lernen, strukturiert und systemisch zu denken. Tief im Fach, aber ohne den ganzheitlichen Blick zu verlieren», so die Professorin für Graslandwissenschaften am ETH-Departement für Umweltwissenschaften. Buchmann hat in ihrer langjährigen Karriere schon mehrere begehrte Wissenschaftspreise abgeräumt, etwa 2022 die Ehrenmedaille der Gesellschaft für Ökologie.
Podcast-Folge der Woche
Ein Studium mit Zukunft
Im Jahr 2025 haben über 3600 Personen an der ETH ein Bachelor-Studium aufgenommen – besonders beliebt sind laut der Hochschule die Studiengänge Mechanik und Informatik, gefolgt von Architektur, Gesundheitswissenschaften und Elektrotechnik. Insgesamt studieren über 26’000 Studierende aus der ganzen Welt an der ETH in Zürich. Doch relativ unbekannt im Vergleich mit anderen ETH-Studiengängen sind die «Agrarwissenschaften»: Im Herbst 2024 gab es gerade einmal 34 Neueintritte im Bachelorstudium – in stark nachgefragten ETH-Studiengänge beginnen jeden Herbst jeweils mehrere hundert Interessierte das Studium.
«Zürich ist gar nicht so schlimm!»
Auch der Netzwerk-Aufbau während der Studienzeit habe Feitknecht geholfen, seine heutige berufliche Position bei der fenaco zu erreichen. Und was würde der Studiendirektor Prof. Dr. Bruno Studer einer Bauernfamilie sagen, die zögert, ihr Kind zum Studieren an die ETH zu schicken? «Zürich ist gar nicht so schlimm!», antwortet Studer scherzhaft im Interview.
Interview der Woche
«Nachhaltigkeit beinhaltet immer drei Dimensionen: eine ökologische, eine ökonomische und eine soziale.»
Professor Dr. Bruno Studer ist seit 2016 an der ETH Professor für Molekulare Pflanzenzüchtung der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit Agroscope. Seit 2012 war er an der ETH Zürich Assistenzprofessor für Futterpflanzengenetik im Rahmen einer Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds (SNF).
Herr Studer, Sie sind auf einem Milchwirtschaftsbetrieb in der Zentralschweiz aufgewachsen. Wie viel von diesem «Bauernbuben» steckt heute noch in Ihrer Arbeit als Studiendirektor an der ETH?
Da steckt noch sehr viel davon drin. Die Prägung aus den Jugendjahren verliert man nicht – und ich bin auch froh darum. Die Arbeit auf dem familiären Betrieb hat mir früh gezeigt, wie komplex Landwirtschaft ist: Man arbeitet mit Boden, Pflanzen, Tieren, Wetter, Märkten und Politik gleichzeitig.
Diese Erfahrung hilft mir heute enorm. Als Studiendirektor ist es mir wichtig, dass unser Studium nicht nur wissenschaftlich exzellent ist, sondern auch den Bezug zur Praxis behält. Wer Landwirtschaft aus eigener Erfahrung kennt, kann viele Themen gut einordnen und versteht, welche Lösungen auf dem Feld oder im Stall wirklich funktionieren.
Das Wichtigste in Kürze:
- Agrarwissenschaftler:innen helfen, die weltweite Ernährungssicherheit zu erhöhen.
- Studierende der Agrarwissenschaften an der ETH arbeiten im Feld, besuchen landwirtschaftliche Betriebe und absolvieren Praktika und Exkursionen.
- Das Studium eignet sich für alle, die sich stark für Nachhaltigkeit, Politik und Ernährung interessieren – landwirtschaftliche Kenntnisse sind keine Voraussetzung für das Studium.
- Während des dreijährigen Bachelorstudiums geht es sehr breit um naturwissenschaftliche Basisfächer, im zweijährigen Masterstudium vertiefen die Studierenden eines von drei Fachgebieten.
- Bekannte Schweizer Persönlichkeiten wie etwa der Bundesrat Albert Rösti oder Martin Rufer, der aktuelle Direktor des Schweizer Bauernverbandes, haben ihre berufliche Laufbahn mit einem Agrarstudium an der ETH begonnen.