Die Schnecke: Heilsbringerin und Übeltäterin zugleich
21.10.2025 0
Diese Woche diskutiert die Familie Richter über Schnecken.
Kaum ein Schweizer Tier ist so vielseitig wie die Schnecke. Doch auch kaum eines so umstritten. Denn so geschätzt die Schnecke wird für ihren Beitrag zu fruchtbaren Böden, als Ernährungsgrundlage für viele andere Tiere oder als Delikatesse für uns Menschen, so gefürchtet ist sie im Gemüsegarten.
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Diese Woche schaut die Familie Richter im Fernsehen einen Beitrag zum «Tier des Jahres 2025». Die Sendung regt die vierköpfige Familie aus der Zürcher Agglo dazu an, das zu tun, was sie am liebsten tut: diskutieren.
Diese Fragen werden im Artikel beantwortet:
Welche Schnecken sind Schädlinge, welche Nützlinge?
Welche speziellen Fähigkeiten haben Schnecken?
Schneckenbekämpfung: Welche Methoden wirken wirklich?
Wie gesund sind Schnecken als Mahlzeit für den Menschen?
Gibt es Schneckenzucht auch in der Schweiz?
Wieso ist das «Tier des Jahres 2025» die Hain-Schnirkelschnecke?
Mit einem silbrig-glänzenden Schleimfaden zieht sie sich mühelos über Blattwerk und Erdreich. Ob auf Salatblättern oder verwittertem Laub – mit ihrer feingezähnten Raspelzunge, der «Radula», schabt sie genüsslich Pflanzenfasern ab oder knabbertan weichem Aas.
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Zwar wirkt sie mit ihrem Häuschen aus Braun-, Gelb-, Weiss- oder Rot-Tönen unscheinbar, doch der braune Rand am unteren Ende verleiht ihr einen hohen Wiedererkennungswert. Die Rede ist von der Hain-Schnirkelschnecke, eine in der Schweiz weitverbreitete Häuschenschnecke und Tier des Jahres 2025.
Als kleine «Bodenmacherin» gehört sie zu einer gesunden Biodiversität, ob im eigenen Garten, im Wald oder auf Feld und Flur. Morsches Holz oder abgestorbene Pflanzen verwandelt sie in wertvollen Humus. Mit der Auszeichnung der Hain–Schnirkelschnecke zum Tier des Jahres 2025 wirbt Pro Natura für einen respektvollen Umgang mit der Biodiversität unter unseren Füssen.
«Bodenleben ist wichtig», lautet die Botschaft der ältesten Naturschutzorganisation der Schweiz, wie Rico Kessler von Pro Natura im Podcast ausführt. Denn wo Böden durch Versiegelung, schwere Maschinen oder Pestizide geschädigt werden, leiden auch Arten wie die Hain-Schnirkelschnecke.
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Wie alt Schnecken werden, ob sie wirklich unbeschädigt auf einer scharfen Messerklinge kriechen können und wie sie sich paaren, erklärt Kessler in der Podcast-Folge:
Podcast-Folge der Woche
Die meisten sind Nützlinge
In der Schweiz gibt es über250 Schneckenarten, davon rund 170 Arten gehäusetragende Landschnecken, etwa 50 Arten Süsswasserschnecken und 35 Arten Nacktschnecken.
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Die meisten Arten sind winzig – mit einem Durchmesser von kaum mehr als einem Millimeter gilt die Punktschnecke als kleinste Schnecke der Schweiz. Dagegen zählen die Weinbergschnecke, die bis zu zehn Zentimeter lang wird, und der Sarner Schnegel, eine bis zu 25 Zentimeter lange Nacktschnecke, zu den grössten Vertretern hiesiger Schneckenarten.
Häuschenschnecken sind für angeknabbertes Gemüse in unserem Garten selten verantwortlich – viel häufiger sind Nacktschnecken-Arten die Schädlinge. Eine Ausnahme bildet der auffällige gemusterte Tigerschnegel: Die bis zu 20 Zentimeter lange Nacktschnecke frisst andere, schädliche Schnecken und gilt somit als Nützling.
Für 90 Prozent der Schäden in Gemüse- und Blumenbeeten sowie auf den Feldern trägt eine einzige Nacktschnecken-Art Schuld: Die Spanische Wegschnecke («Arion vulgaris»). Wahrscheinlich wurde sie in den 60er-Jahren in die Schweiz eingeschleppt. Und da sie hierzulande praktisch keine natürlichen Fressfeinde hat – sogar Igel machen einen weiten Bogen um sie –, kann sie sich immer weiter ausbreiten und auch die selten gewordene heimische Rote Wegschnecke («Arion rufus») vertreiben.
Statistik der Woche
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Interessante Zahlen und Fakten zum Thema Schnecken.
Interessante Zahlen und Fakten zu Schnecken
Schnecken mit «Eigenheim»: Leben im Kalk-Haus
Erwähnenswert ist auch die Weinbergschnecke («Helix pomatia»), die das grösste Schneckenhaus in ganz Europa besitzt: Der Durchmesser kann bis zu fünf Zentimeter betragen. Das Haus schützt die Weinbergschnecke vor Feinden, Hitze und Kälte und besteht vorwiegend aus Kalk. Aus diesem Grund ist die Schnecke auch auf einen kalkhaltigen Lebensraum angewiesen.
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Schnecken mit Gehäuse verfügen über eine bemerkenswerte Selbstheilungskraft – kleinere Risse in ihrem Haus flicken sie mit Kalk aus dem eigenen Körper. Ist das Häuschen jedoch vollständig zerstört, überlebt die Schnecke nicht. Denn das Schneckenhäuschen ist weit mehr als eine «mobile Wohnung» – es ist integraler Teil des Körpers, das lebenswichtige Organe schützt, den Wasserhaushalt reguliert und Infektionen fernhält.
Was die Optik des Häuschens betrifft, kann eine zufällige genetische Mutation während der Embryonalentwicklung dazu führen, dass sich das Spiralmuster auf dem Häuschenaussen nach links dreht. Dies ist aber nur bei einer von 20’000 Schnecken-Exemplaren der Fall – man nennt diese «Schneckenköniginnen».
Schädlinge bekämpfen, aber wie?
Um schädliche Schnecken zu beseitigen, werden Menschen kreativ. Manche stellen Bierfallen auf, andere zerschneiden die Schnecken, weitere streuen Schneckenkörner oder vertrauen auf den Schnecken-Appetit von Laufenten. Doch welche Methoden nützen wirklich?
Das Aufstellen von Bierfallen oder das Zerschneiden der Tiere ist kontraproduktiv, denn: Schnecken sind Aasfresser und durch die toten Schnecken(-Teile) werden nur weitere Schnecken angezogen.... Auch Hausmittel wie Chili-Sud oder Kaffeelösungen sind oft wirkungslos oder schaden zusätzlich.
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Bei Schneckenkörner muss differenziert werden: Körner, die Metaldehyd enthalten, zerstören die schleimproduzierenden Zellen bei Schnecken, sodass sich diese kaum mehr fortbewegen können und aufhören, zu essen. Doch Schneckenkörner mit Metaldehyd sind nicht nur für Schnecken giftig, sondern auch für andere Tiere, Kinder und die Böden.
In der Bio-Landwirtschaft kommen dagegen Schneckenkörner mit dem Wirkstoff Eisen(III)-Phosphat zum Einsatz. Diese Körner verursachen Zellveränderungen im Verdauungstrakt der Schnecke. Bevor die vergifteten Schnecken sterben, ziehen sie sich in den Boden zurück.
Allgemein gilt bei der Schneckenbekämpfung: Vorbeugen ist besser als vernichten. Schnecken lieben feuchte und schattige Plätze, deshalb empfiehlt es sich, Beete sonnig, luftig und idealerweise erhöht anzulegen. Beim Giessen hilft es, nur gezielt die Pflanzen und nicht grossflächig um diese herum zu wässern – und zwar am besten morgens, damit der Boden nachts trocken ist.
Komposthaufen und Hecken sollten mindestens einen bis zwei Meter vom Gemüsebeet entfernt liegen, da sie ideale Verstecke und Rückzugsorte für die kleinen Kriecher darstellen.
Wundermittel Schneckenschleim
Während Schnecken ihr Sekret als Fortbewegungs– und Haftmittel sowie als Schutz vor dem Austrocknen und vor Feinden nutzen, haben Menschen bereits in der Antike das Filtrat aus Schneckenschleim genutzt, um Hautverletzungen und –entzündungen zu behandeln.
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Tatsächlich wirkt der schleimige Gleitfilm, den die Schnecke an ihrer Unterseite absondert, auch für Menschen durch Inhaltsstoffe wie Hyaluronsäure, Allantoin und Glykolsäure entzündungshemmend und zellerneuernd. Besonders in der Traditionellen ChinesischenMedizin (TCM) und der koreanischen Kosmetik ist Schneckenschleim fest verankert.
Schneckenfleisch statt Power-Riegel
Nicht nur als Tierfutter und Schönheitsmittelchen, sondern auch als Delikatesse für den Menschen sind Schnecken bei manchen beliebt: Mit etwa 15 Prozent Proteingehalt bei nur 1,2 Prozent Fett sowie Vitaminen und Mineralien wie Eisen, Kalzium, Magnesium und Kalium sind sie zudem eine gesunde Mahlzeit.
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In Europa werden Schnecken als«Escargots» in Frankreich oder als «Caracoles» in Spanien genossen, aber auch gewisseafrikanische und asiatische Länder setzen auf Schnecken im Speiseplan.«Eine Tradition des Schneckenverzehrs besteht besonders in Regionen, die von derfranzösischen Kultur geprägt sind», erklärt Marcello Capecchi im Interview am Ende dieses Beitrags. InCapecchis Restaurant Le Dézaley in Zürich können Gäste Weinbergschnecken im 6er- oder 12er-Pfännlibestellen – etwa gratiniert oder mit Parmesan-Knoblauch-Pesto.
Doch auch im regulären Supermarkt gibt es Schnecken zu kaufen. Wer kein spezielles Schnecken-Pfännli zu Hause hat, kann die Tierchen auf in Blätterteigpasteten im Backofen zubereiten. Wem das schmeckt, sollte wissen: Das Einsammeln von Schnecken ist in einigen Kantonen verboten! Und wer vegetarisch lebt, kann ganz einfach auf Zimtschnecken ausweichen.
Schneckenzucht in der Schweiz
In der Schweizer Landwirtschaft ist die Schneckenzucht ein Nischenbereich: Im ganzen Land gibt es nur sechs Schneckenzüchter. Einer davon ist Stefan Etienne aus dem Kanton Fribourg.
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Sein Wissen hat sich der gelernte Bäcker und Koch teilweise während einesAufenthaltsin Frankreich angeeignet, doch «ein grosser Teil meines heutigen Könnens habe ich mir mit Hilfeaus dem Internet und durch learning by doing erarbeitet», so Etienne:
Video der Woche
Interview der Woche
«Schnecken sind eine interessante Alternative zu herkömmlichen Proteinquellen»
Schnecken sind eine kulinarische Spezialität mit langer Tradition und bieten ein beeindruckendes Nährstoffprofil. Im Interview mit Marcello Capecchi, Geschäftsführer desRestaurants Le Dézaley in Zürich, erfahren wir, wie Schnecken in der Gastronomie zubereitet werden.
Warum haben Sie sich entschieden, in Ihrem Restaurant Schnecken anzubieten?Schnecken gehören seit jeher zur kulinarischen Identität unseres Restaurants Le Dézaley in Zürich. Sie sind nicht nur eine traditionsreiche Spezialität, sondern auch ein echtes Highlight auf unserer Speisekarte. Besonders beliebt ist unsere hausgemachte Kräuterbutter, die den Schnecken ihren unverwechselbaren Geschmack verleiht, ein Genuss, der von unseren Gästen immer wieder geschätzt wird.
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Welchen Nährwert liefert Schneckenfleisch, decken die Nährstoffe einen Bereich ab, der mit Poulet, Rind- oder Schweinefleisch nicht abgedeckt wird?
Tatsächlich sind Schnecken eine interessante Alternative zu herkömmlichen Proteinquellen. Das Nährwertprofil zeigt, dass Schnecken über einen sehr hohen Proteingehalt verfügen, der je nach Art zwischen 10 und 19 % des Frischgewichts oder sogar 53-83 % des Trockengewichts liegen kann. Dieser Wert ist vergleichbar oder sogar höher als bei anderen tierischen Proteinquellen wie Geflügel. Das Protein in Schnecken enthält alle essentiellen Aminosäuren, was es zu einer hochwertigen Proteinquelle macht. Das enthaltene Fett weist einen hohen Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren auf. Schnecken sind zudem eine gute Quelle für wichtige Mineralstoffe wie Eisen, Kalzium, Magnesium und Kalium.
Woher kommt die Verwendung von Schnecken als Nahrungsmittel, gar Delikatesse, für den Menschen?
Der Verzehr von Schnecken hat in vielen Teilen der Welt eine lange Tradition. Insbesondere in Europa sind Schnecken zum Beispiel in Frankreich als «Escargots» oder in Spanien als «Caracoles» bekannt. Auch in Afrika und Asien werden Schnecken gegessen. Wenn man genau hinschaut, merkt man, dass dort die Tradition herrscht, wo früher Franzosen die kulinarische Kultur geprägt hatten.
Handelt es sich bei der Weinbergschnecke auf dem Teller um dieselbe Art, wie man sie auch draussen in der Natur findet?
Wir verwenden verschiedene Schneckenarten, die speziell für die Küche gezüchtet werden und sich ideal für unsere Zubereitungsweise eignen. Im Geschmack sind sich aber die verschiedenen Arten alle sehr ähnlich.Meistens ist es nicht genau die gleiche Art, wie man sie draussen in der Natur antrifft, jedoch sind sie sehr nahe verwandt.
Wie bereitet ihr die Schnecken bei euch zu?
Bei uns werden die Schnecken klassisch im 6er- oder 12er-Escargots-Pfännli serviert – ein echter Klassiker, der bei unseren Gästen sehr geschätzt wird. Doch die Welt der Schneckenzubereitung ist erstaunlich vielfältig: Ob gratiniert, als raffiniertes Pesto mit Basilikum, Parmigiano, Knoblauch und Pinienkernen oder mit einem Hauch von Feigensenf, die Möglichkeiten sind beinahe so kreativ wie die Küche selbst.
Wie gross ist aktuell die Nachfrage nach Schnecken bei Ihnen im Restaurant? Gab es da eine Veränderung in den letzten Jahren?
In den neun Jahren, in denen ich Geschäftsführer von Le Dézaley bin, ist die Nachfrage nach Schnecken bei uns relativ konstant geblieben. Interessanterweise hat sich das Bestellverhalten unserer Gäste aber leicht verändert: Früher wurden Schnecken oft vor dem Genuss unseres traditionsreichen Käsefondues bestellt. Heute greifen viele lieber zu Alternativen.
Das Wichtigste in Kürze
Wertvolle Tiere: Schnecken verbessern Böden, sind Nahrung für viele andere Tiere, für uns Menschen eine Delikatesse und liefern mit ihrem Schleim sogar wirksame Naturkosmetik.
Fluch oder Segen: Schnecken mit einem Häuschen sind Nützlinge,Nacktschnecken hingegen meist Schädlinge. Ausnahme: Tigerschnegel.
Schneckenkönigin: Nur eine von 20’000 Schnecken hat ein links-gewundenes Häuschen.
Schnecken bekämpfen:Bierfallen oder Zerschneiden sind kontraproduktiv und locken noch mehr Schnecken an; vorbeugen ist besser als vernichten.
Protein-Power:Schnecken enthalten viel Eiweiss und wertvolleMineralstoffe.
Schneckenzucht:In der Schweizer Landwirtschaft ist sie ein Nischenbereich.
Für den vorliegenden Beitrag wurden folgende Quellen verwendet: